Geschäftsprozess oder Anwendungsfall, wann nehme ich was?

Geschäftsprozess oder Anwendungsfall, wann nehme ich was?

In vielen Projekten kommt die Frage auf, ob man einen Anwendungsfall oder einen Geschäftsprozessdiagramm verwendet.

Grundsätzlich kann man sowohl mit einer textuellen Beschreibung eines Anwendungsfalls einen Geschäftsprozess darstellen, wie auch mit einem Geschäftsprozessdiagramm wie BPMN den Inhalt eines Anwendungsfalls.

Die Frage ist: Was lässt sich nutzbringend miteinander kombinieren?

Auf die Ebene kommt es an. Wenn ich in einem Geschäftsprozessdiagramm zu viele Details darstelle, wird das Diagramm komplex und unübersichtlich. Für ein Geschäftsprozessdiagramm eignet sich eine Ebene vorzüglich, die Alistair Cockburn in seinem Buch „Anwendungsfälle effektiv erstellen“ als Wasseroberfläche bezeichnet.

Die Aktivitäten in einem Geschäftsprozessdiagramm sollten atomar sein. Dazu kann man eine Reihe von Tests verwenden:

  1. Dauert die Aktivität – sofern sie von einem Menschen ausgeführt wird – etwa 2-20 Minuten?
  2. Wird die Aktivität von einer Person an einem Ort zu einem Zeitpunkt erledigt? Sind zwei Personen daran beteiligt, sind es auch zwei Aktivitäten. Wenn ich die Aktivität unterbreche, einen Teil heute erledige und den anderen morgen, dann sind ebenfalls zwei Aktivitäten notwendig.
  3. Kann ich die Aktivität alleine ausführen (ohne andere Aktivitäten) und bringt sie dem Unternehmen dann einen Mehrwert? Falls nein ist die Aktivität eine Teilfunktion und kein Prozessschritt.
  4. Würde es sich lohnen, mich an ein System anzumelden, nur diese eine Funktion auszuführen und mich wieder abzumelden? Falls nein, ist die Aktivität eine Teilfunktion und kein Prozessschritt.

Betrachten wir das folgende Geschäftsprozessdiagramm einer fiktiven Autovermietung, welches in BPMN dargestellt ist:

beispiel_kfz_vermieten_epping

Jede der gelben Aktivitäten erfüllt die vier aufgeführten Tests.

In dem Geschäftsprozessdiagramm ist jedoch nicht die Rede von Zubehör, Versicherungen, KFZ-Klassen oder ähnlichem. All diese Details werden innerhalb der gelben Kästchen quasi unterhalb der Wasseroberfläche behandelt. Damit eignen sich die Aktivitäten des Geschäftsprozessdiagramms hervorragend als Ausgangspunkt für einen Anwendungsfall.

Ein Anwendungsfalldiagramm für die erste Aktivität „KFZ reservieren“ könnte wie folgt aussehen:
Das Anwendungsfalldiagramm drückt durch seine „Includes“ oder „Extends“ Beziehung aus, dass der Anwendungsfall „KFZ reservieren“ durch die beiden Anwendungsfälle „Zubehör auswählen“ und „Kunde identifizieren“ erweitert wird.

beispiel_kfz_vermieten2_epping
Dabei sind die Anwendungsfälle „Zubehör auswählen“ oder „Kunde identifizieren“ auf einer tieferen Ebene als „KFZ reservieren“, denn ich kann sie nicht alleine ausführen.
Es macht keinen Sinn, Zubehör auszuwählen, wenn ich kein KFZ reservieren möchte.

Das Anwendungsfalldiagramm stellt eine andere Perspektive dar, die rechtwinklig auf dem Geschäftsprozessdiagramm steht.

Den Anwendungsfall „KFZ reservieren“ kann ich textuell beschreiben, z.B.:

  1. Die Telefonkraft identifiziert mit Hilfe des Anwendungsfalls „Kunde identifizieren“ den Kunden.
  2. RENTSYS zeigt die Kundendaten an.
  3. Die Telefonkraft wählt die Abholstation und die Rückgabestation aus, gibt das Abholdatum und das Rückgabedatum ein und wählt eine Fahrzeugkategorie aus.
  4. Falls der Kunde Zubehör möchte, wählt die Telefonkraft mit Hilfe des Anwendungsfalls „Zubehör auswählen“ Zubehör aus.
  5. RENTSYS zeigt den Mietpreis an.
  6. Die Telefonkraft bestätigt die Reservierung.
  7. RENTSYS speichert die Reservierung und versendet eine Reservierungsbestätigung an die Mail-Adresse des Kunden.

Natürlich kann ich den Anwendungsfall auch durch ein Geschäftsprozessdiagramm darstellen, eröffne damit aber zwei Diskussionspunkte.

Wenn ich das Geschäftsprozessdiagramm um die Details des Anwendungsfalls ergänze, habe ich statt 7 Aktivitäten ca. 40 Aktivitäten die über verschiedene logische Bedingungen miteinander verknüpft sind.

Das Geschäftsprozessdiagramm ist damit unübersichtlich und unterliegt häufig Änderungen, wenn sich die Anforderungen auf der Detailebene ändern.

Fazit: In Geschäftsprozessdiagrammen die Aktivitäten nur bis zu einer Ebene darstellen (Wasseroberfläche). Die vier Tests geben Auskunft, ob die Aktivitäten im Geschäftsprozessmodell bereits zu detailliert sind.
Wenn es detaillierter werden soll, hilft ein Anwendungsfalldiagramm, die Struktur darzustellen. Die detaillierten Aktivitäten kann man dann am besten als textuelle Beschreibung eines Anwendungsfalls darstellen. 

 

Geschäftsprozess oder Anwendungsfall, wann nehme ich was?

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